Mit den Ohren schießen

 

 

„Ein sicheres Aug’ zum sich’ren Schuss …“ – Dieser Anfang eines Sinnspruchs auf der Fahne einer Schützengesellschaft hat sehr wohl seine Bedeutung, trifft mittlerweile aber nicht mehr auf alle Schützinnen und Schützen zu. Denn seit rund 30 Jahren treiben auch Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen Schießsport. Sie fragen sich, wie das möglich ist Ein sich’res Aug’ zum sich’ren Schuss …“ – Dieser Anfang eines? Diese Frage ist berechtigt, scheint es doch keinen größeren Gegensatz zu geben, als die Blindheit und ein gezielter Schuss mit dem Gewehr. Die Auflösung des (vermeintlichen) Widerspruchs: Optisch – elektronische Geräte – einem Zielfernrohr zum Verwechseln ähnlich – aus Schweden und später auch aus Österreich, ermöglichen es Blinden oder hochgradig Sehbehinderten, auf eine Scheibe zu zielen – und selbstverständlich auch zu treffen. Dabei werden die von der Scheibe reflektierten Lichtwellen über eine Fotozelle aufgenommen und in akustische Frequenzen umgewandelt. Die Schützin / Der Schütze hört diese Töne im Kopfhörer und kann durch deren Höhenunterschiede das Scheibenzentrum erkennen.

Zu der Frage, wie sich der Schießsport für Blinde in Deutschland verbreitet hat, kann gesagt werden, dass bereits 1979 in Berlin – Spandau der erste Blinden-Schützenverein gegründet wurde, nachdem sich in den Jahren zuvor immer mehr interessierte Blinde zum Luftgewehrschießen zusammengefunden hatten. Auch in Nürnberg etablierte sich damals eine kleine Gruppe. Mittlerweile ist bekannt, dass Blinde in Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland und Thüringen aktiv sind. Seit Ende der 80er Jahre entwickelte sich diese Behindertensportart auf ein Niveau, das selbst die zwischenzeitlich Alterfahrenen damals nicht für möglich gehalten hatten. Dass man als Blinder im Stehend - Anschlag die Scheibe finden und treffen könnte, war unvorstellbar. Also wurde nur aufgelegt geschossen. Welche Standards sind nun heute üblich ? - Neben der Klasse „mit Hilfsmittel“, sie benutzt einen Ständer zum Auflegen des Gewehrs, gibt es nun auch das Schießen im Stehend – Anschlag, wie es bei Nichtbehinderten üblich ist.

Die Sehbehindertenabteilung des Bürgerschützenvereins Holthausen 1857 e. V. ist in dieser speziellen Form des Schießsports eine der jüngsten Gruppen. Unser Schützenbruder Klaus Raabe hatte davon erfahren, dass es beispielsweise in Lüdenscheid eine sehr aktive Schießsportabteilung für Sehbehinderte gibt. Er setzte sich daraufhin mit dem dortigen Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins in Verbindung, um einige Auskünfte zu diesem Thema einzuholen. Sodann wandte er sich im Jahr 2003 an die Herner Schützenvereine, um zu prüfen, ob auch für unseren Raum eine solche Möglichkeit besteht. Im Laufe des Jahres 2004 kam es dann zum Kontakt mit dem BSV Holthausen. Der Vorsitzende dieses Vereins, Schützenbruder Rolf Duberny, und einige weitere Vorstandsmitglieder trafen sich mit dem Vorstand des Blinden- und Sehbehindertenvereins Herne / Castrop-Rauxel zu einem Vorgespräch und luden anschließend Interessierte ins Schützenheim ein. Nachdem die erforderlichen Formalitäten erledigt waren und ein geeignetes Sportgerät zur Verfügung stand, war es dann am  23. Februar 2005 soweit:

Die Sehbehindertenabteilung des BSV Holthausen nahm ihr Training auf. Diese Abteilung erfreut sich mittlerweile zunehmender Beliebtheit, auch über unser Stadtgebiet hinaus. Inzwischen haben wir Mitglieder auch aus Bochum und Essen und es war erforderlich, eine zweite Waffe mit Optronic anzuschaffen. Als erstes sportliches Highlight neben einigen Vergleichskämpfen steht die Teilnahme an den Landesmeisterschaften in Dortmund. Die Sehbehindertenabteilung des BSV Holthausen stellt aber auch ein gelungenes Beispiel der Integration von Behinderten dar. Anfänglich mussten zwar einige verständliche Berührungsängste aus dem Weg geräumt werden; nun sind wir aber völlig in das Vereinsgeschehen des BSV Holthausen eingebunden und danken für die herzliche Aufnahme, die wir letztlich in diesem Verein gefunden haben.

Anmerkung: Die Schilderung der

Entwicklung des Schießsports für

Sehbehinderte entstand mit Hilfe

von Herrn Joachim Schirmer, Pressig (Bayern).

 

 Ingbert Kontek


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